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Romanische Portale und Kapitelle in Niedersachsen
Der Kaiserdom in Königslutter: Portale, Kapitelle und ein besonderer Fries


Was für ein imposantes Bauwerk! Der "Kaiserdom" in Königslutter ist zwar kein "Dom" im Sinne einer Bischofskirche, doch gehört er zu den großen Stiftskirchen, die aufgrund ihrer Bedeutung und monumentalen Erscheinung ebenfalls oft Dom genannt werden. Zur Zeit seiner Entstehung in der Mitte des 12. Jahrhunderts war der Kaiserdom das eindrucksvollste Bauwerk im Gebiet zwischen den großen Bauten im Westen des Reiches, wie z. B. dem Dom zu Speyer am Rhein, und dem ottonischen Dom in Magdeburg im Osten des Reiches. 1135 legten Kaiser Lothar III. von Süpplingenburg (1075-1137) und seine Frau Richenza den Grundstein zur Stiftskirche St. Peter und Paul, dem heutigen Kaiserdom. Lothar von Süpplingenburg wurde 1106 mit dem Herzogtum Sachsen belehnt, 1125 zum deutschen König gewählt und 1133 in Rom zum Kaiser gekrönt.

Offenbar hatte er aus Italien fähige Baumeister und Künstler mitgebracht, wovon das hervorragende Mauerwerk und die außergewöhnliche Bauskulptur der Ostteile bis heute künden. 1137 starb Kaiser Lothar überraschend bei der Rückkehr von seinem zweiten Italienzug, er wurde im noch unfertigen Dom bestattet. Auch seine Frau Richenza und sein Schwiegersohn sind in Königslutter beigesetzt, sie starben wenige Jahre später. Danach erlahmte der Baueifer etwas; zwar ging der Bau der Kirche langsam weiter, doch das Langhaus und die Westteile lassen die ursprünglich vorgesehene Pracht und Zier, wie sie noch in den Ostteilen realisiert wurde, vermissen. Das Langhaus wurde schließlich im Westen mit einem mächtigen sächsischen Westquerriegel geschlossen. Das berühmte Löwenportal wurde wahrscheinlich auch nicht wie vielleicht ursprünglich vorgesehen in der Art einer lombardischen Vorhalle fertiggestellt, sondern in vereinfachter Weise in die nördliche Langhauswand eingefügt.
Das Löwenportal
Die beiden Löwen tragen kunstvoll gearbeitete Säulen auf ihrem Rücken. Sie selbst fletschen die Zähne und halten Lebewesen zwischen ihren Vorderpranken: links eine menschliche Figur, rechts kann man einen Widderkopf erkennen. Was hat das zu bedeuten?
Die Interpretation von Löwen an Kirchenportalen ist durchaus zwiespältig. Auf der einen Seite symbolisiert das königliche Tier den beschützenden Christus, auf der anderen Seite kann es auch eine böse Macht bedeuten, die den Menschen in ihren Klauen hält. Doch die Löwen dienen ja auch, da sie mit ihren Säulen auf dem Rücken die Kirche bzw. das Portal stützen. Die beiden Löwen außen in Königslutter sind übrigens Kopien, die stark verwitterten Originale befinden sich geschützt im Innern.
Das Portal am Querhaus

nördl. Seitenschiff
mit Löwenportal

nur zwei Gliederungsele-
mente (Lisenen)
Nach dem Tod Kaiser Lothars wurde der ambitionierte Bau vereinfacht weitergeführt. Das Langhaus erhielt nur eine Flachdecke, die großartige Wölbung des Chores und des Querhauses wurde nicht fortgesetzt. Das heutige Langhausgewölbe wurde erst viel später eingezogen. Am Außenbau kann man am Seitenschiff diese Planänderung auch an den fehlenden Lisenen mit ihren Halbsäulen erkennen. Nur zwei der Lisenen und Halbsäulen sind westlich des Querhauses als Gliederungselemente vorhanden.

Dafür entfaltet das bereits fertiggestellte Portal des Nordquerhauses wahrhaft imperiale Größe: Drei freistehende Säulen mit hervorragend gearbeiteten Kapitellen tragen die Wülste und mächtigen Halbrundbögen. Zum Vergleich können zwei etwa zu gleicher Zeit entstandene Portale dienen: Das Portal an der Stiftskirche in Quedlinburg (Weihe 1129, vermutlich das älteste Säulenportal in Deutschland) hat lediglich jeweils eine Säule im Gewände, an der romanischen Klosterkirche Unser Lieben Frauen in Magdeburg (Marienkirche, um 1150) finden wir zwei Gewändesäulen. Das monumentale Portal in Königslutter mit drei Säulen ist ästhetisch ausgewogen und eines Kaisers würdig!
Die Ostteile

Ansicht von NO

Ansicht von SO
Wie üblich wurde auch in Königslutter mit dem Bau der Stiftskirche im Osten begonnen. Klar heben sich die Baukuben voneinander ab: Das Vierungsquadrat (da wo sich Lang- und Querhaus durchdringen) gibt die Maße vor. Der Chor wird durch zwei Nebenräume erweitert (ein sogenannter Staffelchor) und durch die Hauptapsis abgeschlossen. Mit dem hochaufragenden Vierungsturm, den beiden Apsiden der Nebenchöre und zwei weiteren Apsiden an der Ostseite des Querhauses bilden die Baumassen im Osten einen malerischen Anblick. Es ist ein Musterbeispiel romanischer Baukunst, dabei steigern die hierarchisch geordneten Bauglieder bewusst die Wirkung der Hauptapsis!


Die Hauptapsis ist unterteilt. Das schwere Untergeschoss wird durch Pilaster in drei Teile gegliedert, die Kapitelle der Pilaster tragen zusammen mit phantasievollen Konsolfiguren einen Bogenfries, der die berühmten Jagdszenen enthält. Das Geschoss darüber öffnet sich in drei großen Rundbogenfenstern, es wird durch schlanke Dienste gegliedert. Oben befindet sich ein für die Romanik typischer Rundbogenfries.


"Jedes der Geschosse wird durch einen Fries aus Akanthusblättern und Perlstab an der Stelle abgeschlossen, an der die kleinen Apsiden mit einem einfachen Würfelfries geziert sind. Dieser Blattfries besteht aus sechs plastischen Schichten aus vollkommen reinrassig antikischem Akanthus (...). Die hohe Qualität jenes Blattwerks wie auch der Pilasterkapitelle wird in Königslutter nicht mehr übertroffen. Es gehört zur Eigenart des Nikolaus-Akanthus, dass er verdoppelt vorkommt: stets wölbt sich hüllend ein zweites Blatt um das Akanthusblatt von Kapitell oder Fries." (zitiert aus (*))
Der Jagdfries
Hier hat uns der Baumeister ein rätselhaftes Meisterwerk hinterlassen, das bis heute kontrovers von Kunsthistorikern und Laien (u. a. sehr abenteuerlich) diskutiert wird.

Schauen wir uns als erstes die Konsolfiguren genauer an: Da entdecken wir miteinander verschlungene Vögel mit menschlichen Gesichtern, andere Vögel sehen aus wie Echsen und tragen raubtierähnliche Zähne im Schnabel und einen zweiten Kopf auf dem Schwanzende. Sind es Harpyien? Zwei dieser seltsamen Wesen befinden sich Maul an Maul bei einem Raubtierkopf - beißen sie sich? Aus anderen Mäulern/Mündern hingegen quellen Blätter, Stengel, sogar eine Blume; doch aus einem kommen die Schwänze von zwei Harpyien und einer der Männer hat bereits einen Blätterbart...


Lassen wir unserer Phantasie freien Lauf! Und so kann es dann passieren, dass wir statt der Blätter plötzlich Mäuler und Gesichter mit Augen sehen. Wo? - An den Kapitellen der Pilaster, die die Hauptapsis in drei vertikale Abschnitte gliedern.
Schauen Sie genau hin!
Schauen Sie genau hin!


Der berühmte Fries besteht aus fünfzehn Bögen, wobei sieben mit figurlichen Szenen und acht mit Blattrosetten gefüllt sind. Die Dramatik der figürlichen Szenen steigert sich von den Rändern aus nach innen.
Die Jagd beginnt außerhalb der Bögen symmetrisch mit zwei Hornbläsern, die auf den Kapitellen der Randpilaster stehen.
Die Jagd beginnt außerhalb der Bögen symmetrisch mit zwei Hornbläsern, die auf den Kapitellen der Randpilaster stehen.


"Da gesellt sich zum lustigen Hörnerklang auch alsbald das Gebell der jagdfiebrigen, sehnigen Hunde, und dann gibt es die erste Beute dieser Hatz: auf der rechten Seite hat der Hund einen Hasen geschlagen, ...


...links ist ein Eber in die Knie gegangen und vom Hund gepackt worden. (- das ist nicht ganz richtig: bei genauem Hinschauen erkennt man, dass es eine Wildsau ist - hb)


Der mittlere Abschnitt lässt links das edlere Tier, den Hirsch, heransprengen (und dem Hund entkommen; der Hirsch ist im Mittelalter häufig ein Symbol für Christus - hb) und führt rechts den Menschen ein, da der mit einer Keule bewehrte Jäger seine Hasenbeute heimträgt.
Hier hätte die Geschichte zu Ende sein können. Sie erfährt dann zur Überraschung im zentralen Feld die Fortsetzung, dass sich die Positionen verkehren. Die Hasen sind des hilflos daliegenden Jägers Herr geworden. Sie haben ihm die Beine gefesselt und zurren nun, Arme und Hände mit den Pfoten festhaltend, mit den Zähnen den Strick fest um die Handgelenke ihres Opfers." (zitiert aus (*), S. 10f)
Hier hätte die Geschichte zu Ende sein können. Sie erfährt dann zur Überraschung im zentralen Feld die Fortsetzung, dass sich die Positionen verkehren. Die Hasen sind des hilflos daliegenden Jägers Herr geworden. Sie haben ihm die Beine gefesselt und zurren nun, Arme und Hände mit den Pfoten festhaltend, mit den Zähnen den Strick fest um die Handgelenke ihres Opfers." (zitiert aus (*), S. 10f)
"Damit ist zweifellos der geistreiche Ton der im Mittelalter beliebten Darstellung einer "verkehrten Welt" angeschlagen. Gleichzeitig hat das Bildwerk, das einen schlechthin zentralen Platz an dieser Kirche innehat, den ernsten symbolischen Hintergrund, dass der wie die Hasen Verfolgte, waffenlos Gejagte, schon Unterlegene, der den Tod leiden muss, ganz unerwartet und wunderbarerweise zu triumphalem Sieg gelangt. So war es das Hauptmotiv der christlichen Lehre, und so war es als unmittelbar verständliche Aussage an dieser Abteikirche dem Gläubigen in den Sinn zu rufen." (*)
Bleibt noch zu bemerken, dass hier ein wirklich großer Meister am Schaffen war, der die Figuren durch die starke Hinterschneidung nahezu vollplastisch in die Bogenfelder hinein komponierte. Man betrachte dazu vor allem die Szene des "Hasenbezwingers".
Wer war dieser besondere Bildhauer-Baumeister? Einen Hinweis könnte die in Spiegelschrift vorliegene Inschrift über den Bögen rechts geben:
+ HOC O PVS EX I MI VM VA RI O CE LA MI NE MI RVM + SC

Verona, in San Zeno: Jagdszene
und "verkehrte Welt"
Das Abbrechen der Schrift hat zu vielen Spekulationen und abenteuerlichen Deutungen geführt. Ergänzt man die beiden letzten Buchstaben SC zu SC(VLPIT) und interpretiert man den "Hasenbesieger" als den Namen Nikolaus (was im Griechischen ziemlich ähnlich klingt), dann könnte der Text etwa heißen: "Dieses hervorragende Werk, durch mannigfaches Verbergen wunderlich, meißelte - Nikolaus" (*). Es könnte natürlich aber auch ganz anders sein...
Doch ein Meister Nikolaus ist tatsächlich in Oberitalien (Ferrara, Modena) inschriftlich bezeugt. Und tatsächlich gibt es in Verona in und an der Kirche San Zeno ebenfalls wunderliche Jagdszenen und eine "verkehrte Welt"!
Doch ein Meister Nikolaus ist tatsächlich in Oberitalien (Ferrara, Modena) inschriftlich bezeugt. Und tatsächlich gibt es in Verona in und an der Kirche San Zeno ebenfalls wunderliche Jagdszenen und eine "verkehrte Welt"!
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Quellen/Literatur
(*) Martin Gosebruch, Thomas Gädeke, Königslutter, Die Abtei Kaiser Lothars, Robert Langewiesche Nachfolger, Hans Köster Königstein im Taunus, Druck 1989
Ernst Andreas Friedrich, Steine erzählen aus Niedersachsens Geschichte, Landbuch Verlag Hannover 2001,
Faltblatt Kaiserdom Königslutter, Stiftung Braunschweiger Kulturbesitz, ohne Jahresangabe
(*) Martin Gosebruch, Thomas Gädeke, Königslutter, Die Abtei Kaiser Lothars, Robert Langewiesche Nachfolger, Hans Köster Königstein im Taunus, Druck 1989
Ernst Andreas Friedrich, Steine erzählen aus Niedersachsens Geschichte, Landbuch Verlag Hannover 2001,
Faltblatt Kaiserdom Königslutter, Stiftung Braunschweiger Kulturbesitz, ohne Jahresangabe
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