Beispiele zur Renaissancebaukunst in Italien: Rimini und noch einmal Florenz

Rimini: San Francesco - der Tempio Malatestiano

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Tempio Malatestiano
Die gotische Kirche San Francesco in Rimini diente ab dem 14. Jahrhundert als Grablege für die Familie Malatesta, die seit dem 13. Jahrhundert über die Stadt herrschte.  Ab 1432 regierte Sigismondo Pandolfo Malatesta in Rimini. Der Condottiere beauftragte den damals sehr bekannten Architekten Leon Battista Alberti (*) mit dem Umbau der alten Kirche zu einem würdigen Monument, um für seine Familie und sich als Auftraggeber unsterblichen Ruhm zu erlangen. 1450 begann Alberti mit den Arbeiten. Dabei orientierte er sich an antiken römischen Vorbildern. Antike Tempel stehen in der Regel erhöht auf einem Sockel, und so errichtete Alberti als erstes an den Außenseiten der Kirche einen umlaufenden Sockel mit Rundbogenarkaden. In den Nischen stehen die Sarkophage der verblichenen Familienmitglieder.

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(*) Leon Battista Alberti (1404-1472) gehört zur zweiten Generation der berühmten Baumeister des Quattrocento (15. Jh.) in Italien. Keine andere Persönlichkeit war damals auf so unterschiedlichen Gebieten der Kunst von so großem Einfluss, er war Literat, Mathematiker, Kunsttheoretiker, Architekt, ...


...zugleich und verkörperte "das Bildungsideal der Renaissance, den vielseitigen uomo universale. Er machte auf seine Zeitgenossen den Eindruck eines dämonisch getriebenen Menschen, 24jährig war er Doktor der Rechte, nahm mit seiner Abhandlung über das Recht die Aufklärung des 18. Jh. voraus, veranstaltete Dichterturniere, suchte mit eigenen Hebemaschinen ein römisches Schiff aus dem Nemisee zu heben, widmete sich darauf der Mathematik und den Naturwissenschaften, wurde im Angesicht der Trümmer Roms vom Humanisten zum gelehrten Künstler und pflegte alle drei Künste, die Malerei, die Bildhauerei und Baukunst." (1) Über alle drei Gebiete schrieb er Bücher, sein wichtigstes ist das Architekturtraktat "De re aedificatoria".
1) H. Busch, B. Lohse (Hrsg.), Baukunst der Renaissance in Europa, Umschau Verlag Frankfurt Main, 1960


Hauptfassade und Portal

Die Wiederaufnahme antiker Motive wird besonders deutlich an der (unvollendet gebliebenen) Fassade, die sich über dem Podest erhebt. Sie wird durch eine große korinthische Ordnung mit drei Rundbögen vertikal  gegliedert. Das Gebälk oben trägt mit dem Namen SIGISMVNDVS PANDVLFVS MALATESTA und der Jahreszahl MCCCL die Stifterinschrift.

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Die Fassade mit den Säulen, den kreisförmigen Elementen, den Rundbögen und dem Portal lehnt sich eng an antike Triumphbögen an und zitiert den in Rimini vorhandenen Augustusbogen. Albertis Fassade von 1450 ist ein großartiges Beispiel für die Rezeption und Weiterentwicklung des antiken Erbes in der Baukunst.

Einschub: Der Augustusbogen in Rimini

Der Augustusbogen ist in Norditalien der älteste erhaltene Triumphbogen. Er empfängt seit seiner Errichtung im Jahr 27 v. Chr. die Reisenden auf der von Konsul Flaminius um 220 v.Chr. erbauten Via Flaminia von Rom nach Rimini.

Augustusbogen
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Auf der Informationstafel neben dem Bogen können wir noch Folgendes erfahren:

Der Bogen wurde 27 v. Chr. auf Befehl des Senats zu Ehren von Caesar Augustus errichtet, wie die Inschrift über dem Torbogen zeigt.

Das Monument war in die Stadtmauer integriert, deren Reste noch an den Seiten des Bogens zu sehen sind. Seit dem Abriss der Mauern 1930 steht der Bogen einzeln. Ursprünglich krönte entweder eine Quadriga oder eine Reiterstatue des Kaisers den Eingang zur Stadt. Der obere Teil wurde (möglicherweise durch ein Erdbeben) zerstört und im Mittelalter durch Mauerzinnen ersetzt. Die große Weite des Bogens ist nach Beendigung der Bürgerkriege in Rom auch ein Hinweis auf die lange Friedenszeit unter Augustus. Die Götterbilder in den Rundelementen stellen auf der Außenseite Jupiter und Apollo sowie Neptun und Roma auf der Innenseite dar; sie feiern die Größe Roms und die Macht des Augustus. (sinngemäße freie Übersetzung des Textes der Infotafel, hb)

----------- Ende Einschub ------------

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Rekonstruktion nach (1)
Alberti greift verschiedene antike Details vom Augustusbogen am Eingangsportal von San Francesco wieder auf: der große Bogen, die Rundelemente, die kannelierten korinthisierenden Halbsäulen oder das umlaufende Gebälk. Sigismondo Malatesta wollte im gleichen Atemzug mit den antiken römischen Kaisern genannt werden. Die beiden Nischen der erst später ausgemauerten seitlichen Bögen sollten wie in einem Mausoleum die Grabmähler von Sigismondo und seiner Frau Isotta aufnehmen. Und die ursprüngliche Planung sah noch weit mehr vor, denn das äußere Erscheinungsbild der Kirche sollte außerdem durch eine riesige Kuppel - ähnlich dem Pantheon in Rom - vervollständigt werden. Aus den hochfliegenden Plänen wurde leider nichts, die Kuppel wurde nie gebaut und selbst die Fassade blieb unvollendet.

1) Abbildung der vorgesehenen Fassade von San Francesco in Rimini, genannt Tempio Malatestiano, Rekonstruktion des Projekts von Leon Battista Alberti, nach Fritz Seitz, aus: Atlas zur Zeitschrift für Bauwesen, hrsg. v. Ministerium der öffentlichen Arbeiten, Jg. 43, 1893; Digitalisat: Architekturmuseum der TU Berlin, Inv. Nr. ZFB 43,006, gemeinfrei


Im Innern

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Grablege des Sigismondo Malatesta
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Auch das Innere von San Francesco ist nie ganz fertiggestellt worden, nur je vier Kapellen an den Seiten wurden realisiert. Darunter befinden sich die aufwändig gestalteten Grablegen von Sigismondo und seiner Frau Isotta. Für die Dekorationen wurden nicht nur christliche Motive verwendet, auch der Antike nachempfundene Gestalten (bzw. Skulpturen) fanden ihren Platz und eine Vielzahl von Engeln bzw. Putten mit ziemlich rundlichen Formen zieren die Balustraden. Der Papst war damals entsetzt und mochte den aus seiner Sicht "heidnischen Tempel" des Sigismondo-Kults nicht besonders. Erst sehr viel später (2002) wurde die Kirche in den Rang einer Basilika minor erhoben. Sie ist heute die Kathedralkirche des Bistums Rimini.

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Betrachtet man den ursprünglichen Plan, dann blieb die Kirche unvollendet. Sie gilt trotzdem als wichtiges Bauwerk der Renaissance, denn zum ersten Mal wurde für die moderne Fassade einer christlichen Kirche eine klassisch-antike Form verwendet. (Murray)

Florenz: Santa Maria Novella

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Albertis Fassade von San Francesco in Rimini blieb nicht nur ein Torso sondern zeigt auch die Probleme auf, die bei der Übertragung von einem dreiteiligen antiken Triumphbogenmotiv auf eine Basilika mit erhöhtem Mittelschiff und niedrigen Seitenschiffen auftreten. In Florenz löste Alberti das Problem, indem er eine hohe Attika über die  rahmenden Säulen der Portalzone und die großen Eckpilaster setzte. In der oberen Zone kann so eine klassische Tempelfront mit Dreiecksgiebel entstehen, in die das (bereits vorhandene) Rundfenster eingepasst wurde. Beide Zonen werden durch große Voluten (den sogenannten "Ohren") miteinander verbunden.

Santa Maria Novella
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Geschickt schaffte es Alberti, die Verbindung von den kleineren mittelalterlichen Dekorelementen zu den großen Elementen der oberen Zone herzustellen.

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Die mehrfarbige Fassade wirkt durch ihre ausgewogenen Maße besonders harmonisch. Die geometrischen Dekorelemente, wie zum Beispiel die großen Quadrate, die Sonnen und Sternsymbole, bilden darin eindrucksvolle Akzente.
Der Innenraum überrascht den Besucher durch seine lichte Weite und durch etliche großartige Kunstwerke. Unbedingt sollte man sich Masaccios "Trinität" (Dreifaltigkeit) anschauen - eines der ersten großen Werke, bei dem in der Malerei die neu entwickelte Zentralperspektive zur Anwendung kommt!

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