Spätgotik und Renaissance:

Sitznischenportale in Sachsen/Mitteldeutschland


Gewändeportale mit Sitznischen finden sich in Mitteldeutschland häufiger als in den anderen Regionen, so dass man durchaus von einer regionaltypischen Besonderheit sprechen kann. Häufig handelt es sich dabei um eher schlichte Formen, doch es existieren auch prachtvolle Portale, die von der gesellschaftlichen Stellung oder vom Reichtum des Auftraggebers künden. Im Folgenden werden (in zufälliger Auswahl) einige Beispiele vorgestellt.

Schloss Schönfeld (Dresden)

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Schloss Schönfeld
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Das Schloss im Dresdner Ortsteil Schönfeld wurde 1573/74 errichtet und ist baulich nahezu unverändert überkommen. Es gilt daher als typisches Beispiel eines Renaissanceschlosses in der Region. Den Eingang bildet ein Sitznischenportal im Treppenturm. Über dem Portal befinden sich die Wappen des Bauherren Georg Cracow und seiner Frau Sara Budenhagen. Das Schloss wird heute vom Kunst- und Kulturverein Schloss Schönfeld e. V. und dem Magischen Zirkel Dresden für zauberhafte Veranstaltungen ("Zauberschloss") genutzt.

Pirna

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Pirna, Markt 3
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Pirna, Markt 3 (vor dem Umbau)
Zu den ältesten und mit zu schönsten (spätgotischen) Sitznischenportalen in Sachsen gehört zweifellos das Portal am Ulrichhaus in Pirna, Markt 3. Auf der Informationstafel am Haus liest man, dass das Eckhaus 1506 von Peter Ulrich, dem Baumeister der Marienkirche in Pirna, von Grund auf neu erbaut wurde. Das Portal ist mit spätgotischen, sich überschneidenden, Kielbögen versehen und eines der ersten Sitznischenportale in Sachsen. Die zweiflügelige Haustür stammt aus der Zeit um 1800. Im Haus gab es 1572-75 die erste Apotheke, heute befindet sich das Tom-Pauls-Theater im Innern.

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Das Handwerkerhaus Kirchplatz 2 - später Kaufmannshaus - wurde um 1525 in Pirna errichtet. Über dem Sitznischenportal der Übergangszeit Gotik-Renaissance ist ein Hauszeichen mit Adam und Eva mit Apfel und Schlange in perspektivisch gestalteter Renaissancerahmung angebracht. (So kann man es auch auf der Infotafel am Haus lesen.) Die seitlichen die Sitznischen begrenzenden Profilleisten überkreuzen sich mit denen des Portalbogens.

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Gleich daneben am unteren Kirchplatz befindet sich ebenfalls ein ganz ähnliches Sitznischenportal. Im Wappen über dem Portal ist die Jahreszahl 1584 erkennbar, denn die halbe 8 (die "Schleife") ist eine 4.

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In der Schmiedestraße in Pirna befindet sich das "Tetzelhaus". Johannes Tetzel, der später berühmt-berüchtigte Dominikanermönch, wurde hier um 1465 geboren. Er ist als Gegenspieler Luthers vor allem durch den Ablasshandel und seinen Spruch "Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt" bekannt geworden. Das Tetzelhaus gilt als das älteste Bürgerhaus Pirnas (und Sachsens). Die gotische Bohlenstube im 1. Obergeschoss stammt aus der Zeit 1381, wie dendrologische Untersuchungen ergaben. Von den ursprünglich zwei Portalen ist ein Sitznischenportal  (im Moment (2013) ohne Sitzsteine) erhalten. Erhalten bzw. wiederhergestellt ist auch die Mönch-Nonne-Dacheindeckung.

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Auch die sieben Ständehäuser der Niederen Burgstraße in Pirna wurden in den letzten Jahren aufwändig saniert. Das Renaissancehaus Nr. 3 war von etwa 1556 bis 1562 im Besitz des Pfarrers Donatus Lange. Heute befindet sich hier eine Pension, die man (was sonst!) durch ein Sitznischenportal betreten kann. Die Fassade und das Innere des Hauses wurden im 17. und 18. Jahrhundert verändert.


Wurzen


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Bis 1581 gehörte das Haus Domplatz 5 in Wurzen zum Gelände eines Domherrenhofes, danach wurde es als Wohnhaus von den Würdenträgern des Stifts genutzt. Im 30-jährigen Krieg zerstört, wieder aufgebaut, als Wohnhaus und Schule genutzt, ist es heute im Besitz des Vereins "Netzwerk für Demokratische Kultur e. V." und wird als Kultur- und Bürgerzentrum für Lesungen, Konzerte und andere Veranstaltungen genutzt. Es ist durchaus denkbbar, dass das schöne Sitznischenportal noch aus der Zeit der Domherren im 16. Jahrhundert stammt.
Bild "Portal_13_Wurzen_04.jpg" Unweit davon befindet sich eine der Ringelnatzstelen*).Passend und zum Nachdenken ist der Text: "Es muss doch / Leute geben, / die ehrlich sein wolln / und weil sie nur / ihr Ausmaß leben, / darum auch freier / sein solln." (Ringelnatz, 1883-1934)  

*) Diese Stelen sind entlang des "Ringelnatzpfades" aufgestellt und begleiten mit ihren humorvollen und nachdenklichen Texten den Stadtspaziergang durch die historische Altstadt Wurzen zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten.

Freiberg

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Ob das  Bergamt in Freiberg tatsächlich 1542 gegründet wurde ist umstritten, sicher ist aber, das das Amt nach dem Stadtbrand 1679 in das um 1500 errichtete spätgotische Freihaus der Familie Schönlebe, Kirchgasse 11, umzog. Ein repräsentatives Sitznischenportal schmückt das Gebäude.


Nossen, Klosterpark Altzella


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Das Gelände des einst bedeutenden Zisterzienserklosters Altzella in Nossen ist heute ein romantischer Landschaftspark mit stimmungsvollen Ruinen der ehemaligen Klostergebäude. Der Eingang in den Klosterpark erfolgt durch das Sitznischenportal der ehemaligen Schreiberei. Zwei Engel tragen Tafeln mit den Buchstaben IHS und MARIA - also Jesus und Maria. (Bei IHS handelt es sich um ein Nomen Sacrum, einen heiligen Namen, der aus den drei Buchstaben I (Iota), H (Eta) und S (Sigma) des griechischen Namens für Jesus gebildet wird.)

Details vom Sitznischenportal am Eingang in den Klosterpark Altzella, Nossen
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Grimma


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Etliche Sitznischenportale kann man auch in Grimma finden, das Eindruckvollste von ihnen befindet sich am Stadthaus, Markt 17. Andere sind nur in Teilen erhalten oder wurden wie das Renaissanceportal in der Paul-Gehrhardt-Straße an neue Standorte (eine Mauer) versetzt.


Leisnig


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Kirchstraße 17, Leisnig
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Schloßberg
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... Detail
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Kirchplatz 5
Die rötliche Färbung des Rochlitzer Porphyrs (genauer: Porphyrtuff) bildet einen charakteristischen Akzent in der Architektur der mittelsächsischen Städte: häufig wurden die Portale aus diesem Material gestaltet. Das Sitznischenportal vom Wohnhaus Kirchstraße 17 in Leisnig stammt, wie im Schlussstein zu lesen ist, aus dem Jahr 1705. Im Bogen des Sitznischenportals Kirchplatz 5 kann man die Jahreszahl 1656 erkennen. Bei anderen Objekten, wie dem vermauerten Portal am Schloßberg 7, ist die zeitliche Zuordnung leider nicht mehr so einfach herstellbar ...


Döbeln


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Rathaus Döbeln
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Das Neue Rathaus in Döbeln verbindet Ober- und Niederstadt, der aufwändige Bau wurde 1910-1912 nach Entwürfen von H. Licht und Otto Richter in den Formen der Neorenaissance und des Jugendstils erbaut. An der Westseite des Rathauses zur Stadthausstraße hin konnte das Sitznischenportal des Vorgängerbaus aus dem Jahr 1571 eingefügt werden.

Details am Sitznischenportal vom alten Rathaus Döbeln
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Dresden


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Schloßstraße, SO-Ecke
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Sitznischenportal im SO-Turm
Immer wieder umgebaut, verändert, erweitert und nach den schweren Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg überhaupt wieder aufgebaut, erstrahlt das Dresdner Residenzschloss heute schöner denn je, auch wenn noch nicht alles fertig ist. Der Schlosserweiterung Ende des 19. Jahrhunderts fiel das Portal des "Kühnschen Hauses" aus der Zeit um 1580 zum Opfer, es wurde 1892/93 in den Südostturm an der Schloßstraße eingesetzt. Das Portal und der figürliche Schmuck stammen wahrscheinlich aus der Bildhauerwerkstatt Hans Walther II.

Das Portal des ehemaligen "Kühnschen Hauses" am Residenzschloss
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Sporergasse 5, Dresden
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Wieder aufgebaut werden in Dresden auch die Quartiere am Neumarkt, rund um die Frauenkirche. Dabei wird oft hart um den Konsens zwischen barocker Historizität und modernem Anspruch gerungen. Als gelungenes Beispiel kann man das wieder entstandene Renaissance-Sitznischenportal in der Sporergasse betrachten.
(Und wie man sieht, sind der Gewerberaum längst vermietet und die Sitznischen inzwischen besetzt...)

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noch mehr Renaissanceportale in Mitteldeutschland: Bürger- und Rathäuser
in Chemnitz, Dippoldiswalde und Meißen