Barock in Magdeburg


Barocke Fassaden und Portale an der Nordseite des Domplatzes


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Barockfassaden an der Nordseite des Domplatzes

Auf dem Magdeburger Domplatz entstehen zu Beginn des 18. Jahrhunderts mehrere Repräsentationsbauten, die den barocken Zeitgeist des Absolutismus zum Ausdruck bringen.
"Den Höhepunkt des Magdeburger Barocks bildet die nördliche Front des Domplatzes, wo der Palastbau zur reichsten Entfaltung gelangte. Charakteristisch ist die Unkörperlichkeit der drei (westlichen) zu einer Platzfassade zusammengeschlossenen Bauten, ebenso ihre freie symmetrische Anordnung zueinander(*). Drei flächig angelegte und giebelbekrönte Mittelrisalite akzentuieren die mit feinen Mitteln belebte Fassade, deren oberer Abschluss ein durchgehendes (ursprüngliches?) Mansardedach mit Zwerggiebelchen ist." (1, Hans-Joachim Mrusek)

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Barockfassaden an der Nordseite des Domplatzes, ganz rechts: Sterntor (im Wiederaufbau)

(*) "Der östlichste, vierte Bau (...) ist eine taktvolle und unaufdringliche Neubildung nach der Zerstörung von 1945." (Mrusek, Anm. 29)

Domplatz 9, das Walrave- oder Frei-Haus


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Domplatz 9 (Walrave-Haus)
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"Freyhaus"
Das barocke Palais Domplatz Nr. 9 wurde 1925 für Gerhard Cornelius Walrave (nach eigenen Plänen) erbaut. Walrave war hochdekorierter Festungsbaumeister in Magdeburg, er wurde für seine Verdienste geadelt und erhielt vom preußischen König u. a. das Privileg, dass sein Wohnhaus für alle Zeiten vom Grundzins befreit sein sollte. Im Dreiecksgiebel ist deutlich der Schriftzug "Freyhaus" zu lesen. Walrave hatte die Oberaufsicht über alle preußischen Festungsbauten, er führte ein verschwenderisches und prunkvolles Leben und fiel schließlich in Ungnade. 1748 wurde Walrave verhaftet und verbrachte den Rest seines Lebens als Gefangener in der (von ihm selbst erbauten) Sternschanze, einem Teil der Festung Magdeburg, bis zu seinem Tode im Jahr 1773. Er soll Gelder veruntreut und Landesverrat begangen haben. Ob er tatsächlich Festungspläne verraten hat, wurde nie geklärt. Eine Anklageschrift hat Walrave nicht gesehen, ein  Gerichtsverfahren hat er nicht bekommen. - Das ist Absolutismus!

Domplatz 9: Walrave-Haus
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Die ausgewogene Fassade mit ihren drei Etagen und den 12 gleichmäßigen Fensterachsen wird vertikal durch Lisenen im Rhythmus 3-1-4-1-3 gegliedert. Der 4-achsige Mittelteil verdeutlich architektonisch die absolutistische Idee der Mitte zusätzlich durch geignete plastische Gliederung, mit dem aus den Niederlanden übernommenen Dreiecksgiebel und einer schönen tiefenräumlichen Portallösung (Mrusek).
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Historische Aufnahme um 1890,
Foto: Ernst v. Flottwell
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Am Portal tragen vier Säulen (mit dahinter liegenden Pilastern) den nach vorn ausschwingenden Balkon, dessen Brüstung durch Obstbündel verziert wird. Die oberen Fenster der ersten und der vorletzten Fensterachse werden durch ihre Volutengiebel besonders hervorgehoben, darüber befandenden sich ursprünglich mit Voluten geschmückte Mansardfenster. (Die heutigen Mansardfenster sind moderne Zutat.)
Insgesamt zeichnen sich die verwendeten Stilmittel durch vornehme Zurückhaltung aus.

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Unterschiedliche Architekturen
im Dialog, Hundertwasserhaus
(Mitte) noch im Bau (2005)
Und die drei Gebäude an der Nordwestecke des Domplatzes bilden dabei einen unglaublich reizvollen Kontrast: Das Bankgebäude in unterkühltem Blaugrau und das festlich-heitere Barockgebäude nehmen hier das bunt-verspieltes Hundertwasserhaus mit seinen goldenen Kugeln in die Mitte. Nirgendwo in Deutschland treffen so unterschiedliche Architekturformen aufeinander! Zu diesem architektonischen Highlight kann man die Magdeburger nur beglückwünschen!


Barockpalais Domplatz 8


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Das Gebäude Domplatz 8, das mittlere Palais (von ursprünglich drei Gebäuden), wurde 1728 fertiggestellt. Es "hebt sich durch seine betont barocke Bewegung hervor. Verkröpfter sind die Lisenen und Gesimse, gedrängter die Vertikalteilung und barocker das zentrale Mittelmotiv, gesprengt und bizarr dekoriert sind Fenster und Hauptgiebel." (1, Mrusek)

Domplatz 8
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Barockpalais Domplatz 7

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Das dritte, östliche der ursprünglichen Barockgebäude korrespondiert zwar in seiner Gestalt mit dem westlichen, doch es ist insgesamt weit prächtiger ausgeführt. "Ein plastischer Dekor übertönt die flächige Struktur, festlich ist das zweistöckige Portal mit luftig gesprengtem Giebel, üppig und verschwenderisch die Fülle der plastischen Körper, Festons, Vasen und Masken. Hier und an einigen anderen Bauten findet auf magdeburgische Weise die Morphologie des Dresdner Zwingers ihre Fortsetzung." (1, Mrusek)

Domplatz 7
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Das Haus ließ der Weinhändler Winneberg (auch Wunenberg) als privates Wohnhaus erbauen, es wurde zwischen 1724 und 1728 errichtet. Am zweigeschossigen Portal tragen im Erdgeschoss vier Säulen den nach vorn ausschwingenden Balkon, darüber tragen zwei weitere Säulen je einen Segmentgiebel. Auf den Giebelschrägen befinden sich zwei weibliche Figuren.

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Besonders reichhaltig wird der von doppelten und kannelierten Pilastern eingefasste Mittelteil geschmückt. Auf und im Dreiecksgiebel befinden sich Vasen und mehrere Figuren, die liegenden Figuren stellen offensichtlich die vier Jahreszeiten dar - sie sind an ihren Attributen gut zu erkennen. Der frierende alte Mann ist wie immer der Winter... Zum Glück sind die anderen dafür umso üppiger und die fröhliche Maske mit Weinlaub im Haar wird wohl der Weingott Bacchus sein - was bei einem Weinhändler nahe liegt. Und die weibliche Figur auf der Giebelspitze steht mit einem Fuß auf einem Buch und stützt sich auf einen Anker - da besteht wohl noch Hoffnung...

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Ab und an wird den Figuren (und der Fassade) eine Frischekur verpasst, was den Figuren, wie man beim Vergleich mit den folgenden Aufnahmen sehen kann, gut bekommt.
Domplatz 7, Giebelfiguren und Details
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Domplatz 6

Domplatz 6 - ein Neubau


Ursprünglich (d. h. im 16. Jahrhundert) stand an dieser Stelle zunächst die "Möllendorfsche Kurie", später dann die "Regierung", ein von verschiedenen Behörden genutztes Gebäude. Im zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude zerstört. Der Wiederaufbau ab 1953 erfolgte dann radikal anders: hier wurde nicht das Gebäude des 19. Jh. wiedererrichtet, sondern das neue Haus wurde von Stil und Aussehen an die Barockfassaden 7-9 angepasst und direkt (ohne den vorherigen Durchgang) angeschlossen.
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Die ursprünglich symmetrischen Proportionen der barocken Fassaden 7-9 mit der Mittenbetonung durch das Portal von Nr. 8 ging dadurch zwar verloren, doch die Verlängerung scheint insgesamt sehr gut gelungen. Die die Nordseite des Domplatzes begrenzenden Gebäude bilden so eine wirkungsvolle Einheit. Sie werden nach erfolgreicher Rekonstruktion und Umbau heute vom Landtag Sachsen-Anhalt genutzt.

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Barockfassaden an der Nordseite des Domplatzes


Wird fortgesetzt!

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Textzitate (kursiv) aus:
(1) Hans-Joachim Mrusek, Magdeburg, Seemann Verlag Leipzig, 2. Auflage 1966, S. 104, 105

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